15.06.2018 | ca. 7 min. Lesezeit | Artikel drucken

Die wichtigsten Bullen- und Bärenmärkte der letzten 100 Jahre

An den Börsen gibt es lange Phasen steigender Kurse, die von kürzeren Phasen fallender Kurse abgelöst werden. Eine Analyse der längsten Bullen- und Bärenmärkte am US-Aktienmarkt der vergangenen 100 Jahre veranschaulicht: Jede Hausse hat verschiedene Ursachen, Verläufe und Folgen.

Der Bulle steht aufgrund seiner nach oben gerichteten Hörner für langfristig steigende Kurse. Der Bär hingegen richtet seinen Blick nach unten und steht sinnbildlich für fallende Kurse. In den Medien ist oft von einem Bullenmarkt die Rede, der bereits seit dem Ende der Finanzkrise anhält. Damit sind in erster Linie die steigenden Aktienkurse an den globalen Aktienmärkten gemeint. So ein mehrjähriger Börsenaufschwung wird seltener auch mit dem französischen Begriff Hausse bezeichnet, ein Abschwung entsprechend als Baisse.

Um die aktuelle Marktphase in den historischen Kontext einordnen zu können, hilft ein Blick auf die vergangenen Bullen- und Bärenmärkte des wichtigsten und größten Aktienmarktes der Welt. Eine Studie von Newfound Research untersuchte den US-Aktienindex S&P 500 über mehr als 100 Jahre und identifizierte zwölf Bullenmärkte mit einer durchschnittlichen Dauer von 8,1 Jahren und elf Bärenmärkte, die im Schnitt 1,4 Jahre lang anhielten. Ein Bullenmarkt wird definiert durch einen Anstieg der Kurse von 20 % oder mehr nach einem Tiefpunkt. Ein Bärenmarkt hingegen ist eine Marktphase mit Verlusten von 20 % oder mehr nach einem Höchststand.

In den Jahren des Aufschwungs gab es eine durchschnittliche Wertsteigerung von 387 %. Die Bärenmärkte führten zu einem durchschnittlichen Verlust von 35 %.  Aber wie geht es jetzt weiter? Die aktuelle Hausse ist mit neun Jahren zwar nicht mehr die jüngste, aber auch noch nicht die längste anhaltende Börsenphase steigender Kurse, wie ein Blick in die Vergangenheit verrät.

Die Wertentwicklung des US-Index S&P 500 seit 1998 zeigt: Dotcom-Blase und Finanzkrise waren für Investoren langfristig kein Problem.

1947-1961 – Lange Erholung nach dem Zweiten Weltkrieg

In den Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg hat sich das Bruttoinlandsprodukt (BIP) der USA bis zum Jahr 1961 mehr als verdoppelt. Damals investierte die US-Regierung viel in den Ausbau der Infrastruktur und erhöhte die Militärausgaben im Rüstungswettlauf mit Russland. Der Wohlstand nahm zu und der Konsum florierte. Vor allem die Produktion von Fernsehgeräten und Automobilen fand reißenden Absatz.

Der S&P 500 erreichte 1954 seinen alten Höchststand seit 1929, dem Jahr vor dem Ausbruch der Weltwirtschaftskrise. Der Kursanstieg wurde überwiegend von Dividendenzahlungen und einer Aufwertung der Unternehmen angetrieben. Nach einer 18-monatigen Korrektur, in der die Kurse um 19 % fielen, setzte sich der Bullenmarkt bis zum Jahr 1961 fort. Der US-Index erreichte in diesem Bullenmarkt eine Wertsteigerung von kumuliert 335,9 %. In dem darauffolgenden Bärenmärkt fielen die Kurse in einem halben Jahr um 21 %, was rückblickend ebenfalls als eine Korrektur auf den zuvor starken Anstieg der Kurse interpretiert wird.

1962-1974 – Kräftemessen der Bullen und Bären

Die 60er Jahre waren gekennzeichnet vom Attentat auf US-Präsident John F. Kennedy, der Mondlandung von Neil Armstrong und der Bürgerrechtsbewegung, angeführt von Martin Luther King. Zusammen mit dem Ausbruch des Vietnam-Krieges und dem Konflikt mit Russland führten diese Ereignisse zu starken Schwankungen an der Börse. Trotzdem konnte der S&P 500 in den 60er Jahren eine durchschnittliche annualisierte Rendite von 7,81 % erzielen. Der Bullenmarkt endete in einer milden Rezession 1970, die mit einer sehr hohen Inflation von etwa 6 % p.a. einherging. Der S&P 500 verlor in 18 Monaten etwa 36 % an Wert.

Nach einer kurzen Phase der Erholung setzte der nächste Bärenmarkt ein. Die Unterstützung Israels im Yom Kippur Krieg 1973 und das darauffolgende arabische Öl-Embargo trieben die Energie-Preise in die Höhe und stürzten die USA in eine neue Rezession. Die Verbraucherpreis-Inflation überstieg kurzzeitig den Wert von 10 % und der Watergate-Skandal zwang Nixon dazu, sein Amt niederzulegen. Die Arbeitslosigkeit stieg auf den höchsten Wert seit dem Zweiten Weltkrieg. Der S&P Index verlor zwischen Januar 1973 und Oktober 1974 etwa 48 %.

 

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1974-1987 – Die goldenen Börsenjahre

Mit dem Ende des Vietnamkrieges und dem Einzug Ronald Reagans ins Weiße Haus 1981 erholten sich die USA auch wirtschaftlich. Die als Reagonomics bezeichnete Steuersenkungspolitik führte zu einem Aufschwung, der außerdem stark von der noch immer hohen Inflation angetrieben wurde. Russlands Präsident Mikhail Gorbatschow ermöglichte Gespräche über eine mögliche Abrüstung. An der Börse setzte ein Bullenmarkt ein, der zwölf Jahre anhalten sollte und den S&P 500 um 768 % ansteigen ließ.

Mit dem Börsen-Crash vom 19. Oktober 1987 endete dieser Boom. Der Index verlor an diesem „Schwarzen Montag“ 22,6 %. Trotzdem waren die 80er Jahre mit einem durchschnittlichen jährlichen Wachstum von 17,55 % eine goldene Dekade für Investoren.

1987-1999 – Das World Wide Web erobert die Welt

Der bislang längste Bullenmarkt der Geschichte fand in den 90er Jahren statt. Das US-Freihandelsabkommen mit Mexico und Canada trug ebenso dazu bei wie der Aufstieg des Internets. Der S&P 500 stieg in dieser Zeit um 748 %. Vor allem Technologie-Aktien beflügelten die Märkte, bevor das Platzen der Dotcom-Blase diesem Bullenmarkt ein Ende bereitete.

Mitte der 90er Jahre drängten zahlreiche neue Unternehmen an die Börse. Damals bildete sich eine Spekulationsblase durch übertriebene Erwartungen an die Gewinne dieser Zukunftsunternehmen, die außer einer Internetadresse kaum ein bewährtes Geschäftsmodell vorweisen konnten.  Die Gewinnerwartungen konnten nicht erfüllt werden und somit kam es nach der Jahrtausendwende zum Crash, bei der der S&P 500 in der Spitze um 42 % einbrach.

2002-2007 – Die Ruhe vor dem Sturm

Die Dekade nach der Jahrtausendwende war eine der schwierigsten für Investoren. Nach dem Platzen der Internetblase wurde die Welt durch den Anschlag auf das World Trade Center 2001 erschüttert. 2003 folgte der Krieg der USA gegen den Irak. Obwohl der Ölpreis in dieser Zeit auf ein Rekordhoch schoss, trat der S&P 500 in einen knapp fünfjährigen Bullenmarkt ein, der von soliden Gewinnen der Unternehmen genährt wurde.

Im Jahr 2007 brach jedoch die schwerste Finanzkrise seit den 30er Jahren aus. US-Aktien verloren etwa die Hälfte Ihres Wertes. Erst mit dem Amtsantritt von Barack Obama 2009 und einer expansiven Geldpolitik der US-Zentralbank Fed begannen die Märkte, sich zu beruhigen.

Seit 2009 – Die Bullen auf Rekordjagd

Es folgte eine beispiellose Rettungsaktion mit milliardenschweren Hilfspaketen für Banken, die während der Finanzkrise in Schieflage gerieten. Die US-Regierung und die Zentralbank in den USA versuchten, die Wirtschaft mit allen Mitteln wieder anzukurbeln, was an der Börse eine Rallye auslöste. Die Staats-Schuldenkrise in Europa führte zu ähnlichen Maßnahmen durch die EU und deren Mitgliedsländern. Vor dem Hintergrund einer expansiven Geldpolitik und historisch niedrigen Zinsen entfaltete sich ein neuer Bullenmarkt, der bis heute anhält. Um den Rekord für den längsten Bullenmarkt aller Zeiten zu brechen, müssten die Kurse aber noch bis ins Jahr 2023 ansteigen.

Welches Fazit lässt sich aus dieser kurzen Aktienmarkt-Historie seit dem Zweiten Weltkrieg schließen? – Kein Bullen- und Bärenmarkt ähnelt dem nächsten. Es gibt stets unterschiedliche Ursachen, Verläufe und Auswirkungen für steigende Börsenkurse. Die Börsenhaussen unterscheiden sich auch in ihrer Geschwindigkeit und in ihren Erträgen. Während Bullenmärkte oft langfristiger Natur sind und stetig höhere Gewinne abwerfen, geht es bei Bärenmärkten dafür wesentlich schneller bergab. Obwohl der aktuelle Bullenmarkt die durchschnittliche Dauer von 8,1 Jahren bereits überschritten hat, hielt der Aufschwung 50er, 70er und 90er Jahre noch vier bis fünf Jahre länger an. Wer also mit dem Investieren auf den nächsten Crash wartet, könnte potentielle Gewinne in den kommenden Jahren verpassen. Denn statistisch gesehen gibt es noch Luft nach oben.

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