21.04.2020 | ca. 8 min. Lesezeit | Artikel drucken

Corona beendet einen der längsten Bullenmärkte der letzten 100 Jahre

Einer der längsten Bullenmärkte der Geschichte geht durch das Corona-Virus zu Ende. An den Börsen gab es immer schon lange Phasen steigender Kurse, die von kürzeren Phasen fallender Kurse abgelöst werden. Eine Analyse der wichtigsten Bullen- und Bärenmärkte am US-Aktienmarkt der vergangenen 100 Jahre veranschaulicht: Jeder Bullenmarkt hat verschiedene Ursachen, Verläufe und Folgen.

Was ist ein Bullenmarkt?

In der Berichterstattung über Finanzmärkte ist oft von einem Bullenmarkt die Rede. Der Bulle steht aufgrund seiner nach oben gerichteten Hörner symbolhaft für einen kraftvollen Aufschwung. Damit sind in erster Linie langfristig steigende Aktienkurse an den globalen Aktienmärkten gemeint und zwar von mindestens 20 % oder mehr nach einem Tiefpunkt. Der letzte Bullenmarkt hielt seit dem Ende der Finanzkrise vor über zwölf Jahren und ist damit einer der längsten in der Geschichte der Börsen. Erst die Verbreitung des Corona-Virus konnte diesem Bullenmarkt ein Ende bereiten. So ein mehrjähriger Börsenaufschwung wird seltener auch mit dem französischen Begriff Hausse bezeichnet.

Was ist ein Bärenmarkt?

Das Pendant zum Bullenmarkt ist der Bärenmarkt. Der Bär richtet seinen Blick nach unten, steht sinnbildlich für fallende Kurse an den Börsen und wird definiert mit Verlusten von 20 % oder mehr nach einem Höchststand. Mit der Ausbreitung des Corona-Virus haben die Märkte am 12. März 2020 diese Marke überschritten und sind in einen neuen Bärenmarkt eingetreten. Bärenmärkte sind statistisch gesehen von kürzerer Dauer als Bullenmärkte, dafür geht es aber meist schneller abwärts. Fallende Kurse werden seltener auch mit dem französischen Begriff Baisse bezeichnet.

Einer der längsten Bullenmärkte geht mit dem Corona-Virus zu Ende.

Einer der längsten Bullenmärkte geht mit dem Corona-Virus zu Ende.

Wie lange dauern Bullen- und Bärenmärkte?

Um die aktuelle Marktphase in den historischen Kontext einordnen zu können, hilft ein Blick auf die vergangenen Bullen- und Bärenmärkte des wichtigsten und größten Aktienmarktes der Welt. Eine Studie von Newfound Research untersuchte den US-Aktienindex S&P 500 über mehr als 100 Jahre und identifizierte zwölf Bullenmärkte mit einer durchschnittlichen Dauer von 8,1 Jahren und elf Bärenmärkte, die im Schnitt 1,4 Jahre lang anhielten. In den Jahren des Aufschwungs gab es eine durchschnittliche Wertsteigerung von 387 %. Die Bärenmärkte führten zu einem durchschnittlichen Verlust von 35 %.

In was für einem Markt befinden wir uns?

Der Corona-Virus hat die Märkte in einen Bärenmarkt gestürzt. Das bedeutet aber nicht, dass es langfristig weiter bergab gehen muss. Ein Blick auf vergangene Bullen- und Bärenmärkte verrät mehr über Auslöser, Verlauf und Ende der Börsenzyklen:

1947-1961 – Lange Erholung nach dem Zweiten Weltkrieg

In den Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg hat sich das Bruttoinlandsprodukt (BIP) der USA bis zum Jahr 1961 mehr als verdoppelt. Damals investierte die US-Regierung viel in den Ausbau der Infrastruktur und erhöhte die Militärausgaben im Rüstungswettlauf mit Russland. Der Wohlstand nahm zu und der Konsum florierte. Vor allem die Produktion von Fernsehgeräten und Automobilen fand reißenden Absatz.

Der S&P 500 erreichte 1954 seinen Höchststand seit 1929, dem Jahr vor dem Ausbruch der Weltwirtschaftskrise. Der Kursanstieg wurde überwiegend von Dividendenzahlungen und einer Aufwertung der Unternehmen angetrieben. Nach einer 18-monatigen Korrektur, in der die Kurse um 19 % fielen, setzte sich der Bullenmarkt bis zum Jahr 1961 fort. Der US-Index erreichte in diesem Bullenmarkt eine Wertsteigerung von kumuliert 335,9 %. In dem darauffolgenden Bärenmärkt fielen die Kurse in einem halben Jahr um 21 %, was rückblickend als eine Korrektur auf den zuvor starken Anstieg der Kurse interpretiert wird.

1962-1974 – Kräftemessen der Bullen und Bären

Die USA wurden in den 60er Jahren durch das Attentat auf Präsident John F. Kennedy, der Mondlandung von Neil Armstrong und der Bürgerrechtsbewegung durch Martin Luther King geprägt. Zusammen mit dem Ausbruch des Vietnam-Krieges und dem Konflikt mit Russland führten diese Ereignisse zu starken Schwankungen an der Börse. Trotzdem konnte der S&P 500 in den 60er Jahren eine durchschnittliche annualisierte Rendite von 7,81 % erzielen. Der Bullenmarkt endete durch eine milde Rezession 1970, die mit einer sehr hohen Inflation von etwa 6 % p.a. einherging. Der S&P 500 verlor in 18 Monaten etwa 36 % an Wert.

Nach einer kurzen Phase der Erholung setzte der nächste Bärenmarkt ein. Die Unterstützung Israels im Yom Kippur Krieg 1973 und das darauffolgende arabische Öl-Embargo trieben die Energie-Preise in die Höhe und stürzten die USA in eine neue Rezession. Die Verbraucherpreis-Inflation überstieg kurzzeitig den Wert von 10 % und der Watergate-Skandal zwang Nixon dazu, sein Amt niederzulegen. Die Arbeitslosigkeit stieg auf den höchsten Wert seit dem Zweiten Weltkrieg. Der S&P Index verlor zwischen Januar 1973 und Oktober 1974 etwa 48 %.

1974-1987 – Die goldenen Börsenjahre

Mit dem Ende des Vietnamkrieges und dem Einzug Ronald Reagans ins Weiße Haus 1981 erholten sich die USA auch wirtschaftlich. Die als Reagonomics bezeichnete Steuersenkungspolitik führte zu einem Aufschwung, der außerdem stark von der noch immer hohen Inflation angetrieben wurde. Russlands Präsident Mikhail Gorbatschow ermöglichte Gespräche über eine mögliche Abrüstung. An der Börse setzte ein Bullenmarkt ein, der zwölf Jahre anhalten sollte und den S&P 500 um 768 % ansteigen ließ.

Mit dem Börsen-Crash vom 19. Oktober 1987 endete dieser Boom. Der Index verlor an diesem „Schwarzen Montag“ 22,6 %. Trotzdem waren die 80er Jahre mit einem durchschnittlichen jährlichen Wachstum von 17,55 % eine goldene Dekade für Investoren.

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1987-1999 – Das World Wide Web erobert die Welt

Einer der längsten Bullenmärkte der Geschichte fand in den 90er Jahren statt. Das US-Freihandelsabkommen mit Mexico und Canada trug ebenso dazu bei wie der Aufstieg des Internets. Der S&P 500 stieg in dieser Zeit um 748 %. Vor allem Technologie-Aktien beflügelten die Märkte, bevor das Platzen der Dotcom-Blase diesem Bullenmarkt ein Ende bereitete.

Mitte der 90er Jahre drängten zahlreiche neue Unternehmen an die Börse. Damals bildete sich eine Spekulationsblase durch übertriebene Erwartungen an die Gewinne dieser Zukunftsunternehmen, die außer einer Internetadresse meist kein bewährtes Geschäftsmodell vorweisen konnten. Die Gewinnerwartungen wurden nicht erfüllt und somit kam es nach der Jahrtausendwende zum Crash, bei der der S&P 500 in der Spitze um 42 % einbrach.

2002-2007 – Die Ruhe vor dem Sturm

Die Dekade nach der Jahrtausendwende war eine der schwierigsten für Investoren. Nach dem Platzen der Internetblase wurde die Welt durch den Anschlag auf das World Trade Center 2001 erschüttert. 2003 folgte der Krieg der USA gegen den Irak. Obwohl der Ölpreis in dieser Zeit auf ein Rekordhoch schoss, trat der S&P 500 in einen knapp fünfjährigen Bullenmarkt ein, der von soliden Gewinnen der Unternehmen genährt wurde.

Im Jahr 2007 brach jedoch die schwerste Finanzkrise seit den 1930er Jahren aus. US-Aktien verloren etwa die Hälfte Ihres Wertes. Erst mit dem Amtsantritt von Barack Obama 2009 und einer expansiven Geldpolitik der US-Zentralbank Fed begannen die Märkte, sich zu beruhigen.

2008-2020 Die Bullen auf Rekordjagd

Es folgte eine beispiellose Rettungsaktion mit milliardenschweren Hilfspaketen für Banken, die während der Finanzkrise in Schieflage gerieten. Die US-Regierung und die Zentralbank in den USA versuchten, die Wirtschaft mit allen Mitteln wieder anzukurbeln, was an der Börse eine Rallye auslöste. Die Staats-Schuldenkrise in Europa führte zu ähnlichen Maßnahmen durch die EU und deren Mitgliedsländern. Vor dem Hintergrund einer expansiven Geldpolitik und historisch niedrigen Zinsen entfaltete sich ein neuer Bullenmarkt, der bis ins Frühjahr 2020 anhielt.

This time will be different… (Börsenweisheit)

Alles bleibt anders

Welches Fazit lässt sich aus dieser kurzen Aktienmarkt-Historie schließen? – Kein Bullen- oder Bärenmarkt ähnelt dem nächsten. Es gibt stets unterschiedliche Ursachen, Verläufe und Auswirkungen für steigende oder fallende Börsenkurse. Deswegen hält sich an den Börsen auch der Spruch: „Dieses Mal wird es anders ausgehen“ (This time will be different), weil niemand genau vorhersagen kann, wie lange der Corona-Virus die Märkte tatsächlich in Atem halten wird.

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