Erbschaftssteuer: Für die meisten Deutschen fällt sie nicht an

Ihre Großeltern haben Ihnen eine beträchtliche Summe von 230.000 EUR hinterlassen. „Da war doch was mit der Erbschaftssteuer“, denken Sie sich nun, „also bleibt doch von dem Geld bestimmt nur ein Bruchteil bei mir.“ Doch so ist es nicht. Ein Erbe bis zu 200.000 EUR ist für Enkel komplett steuerfrei und somit müssen Sie nur die 30.000 EUR darüber hinaus versteuern. 

Bei Eheleuten, Kindern und anderen Verwandten sehen die Zahlen etwas anders aus. Je näher man verwandt ist, desto mehr darf man vom Erbe steuerfrei einbehalten. Was steckt also noch hinter der Erbschaftssteuer und wie funktioniert sie konkret? Das erfahren Sie auf dieser Seite. 

Das Wichtigste in Kürze
  • Bei den meisten Erbschaften fällt keine Erbschaftssteuer an. Das hat mit Freibeträgen zu tun, die der Fiskus allen Erben gewährt. Die Freibeträge nehmen der gesetzlichen Erbfolge entsprechend ab. Ehepartner müssen beispielsweise erst ab einer vererbten Summe von 500.000 EUR Steuern zahlen, Kinder ab 400.000 EUR.
  • Grundsätzlich sprechen wir bei diesen Summen nicht nur vom Erbe in EUR, sondern auch von Sachwerten wie beispielsweise Immobilien. Jedoch bestehen speziell für Immobilien Ausnahmen, sodass diese unter Umständen steuerfrei bleiben. Auch Hausrat wird anders betrachtet und zählt über die Freibeträge hinaus.
  • Evtl. kommen sogenannte Versorgungsfreibeträge dazu, etwa im Rahmen privater Lebensversicherungen. Bei Ehepartnern umfasst der Versorgungsfreibetrag bis zu 256.000 EUR und bei Kindern bis zu 52.000 EUR je nach Alter des Kindes zum Zeitpunkt der Erbschaft. Generell gilt: Je älter die Erben, desto weniger Geld erhalten sie.
  • Sofern Sie die entsprechenden Grenzen überschreiten, richtet sich die anfallende Steuer prozentual nach dem Grad der Verwandtschaft und der konkreten Erbsumme. Fachlich ist von Steuerklassen die Rede, wobei diese aber nichts mit den Steuerklassen zur Einkommensteuer zu tun haben.

Freibeträge: Je näher verwandt, desto höher der Freibetrag

  • Je nach Grad der Verwandtschaft sind bis zu 500.000 EUR als Erbe steuerfrei.
  • Die meisten Menschen müssen keine Erbschaftssteuer zahlen, weil die geltenden Freibeträge für Eheleute, Kinder, Enkel und weitere Verwandte weitaus höher sind als das, was die meisten vererbt bekommen. Rund 50 % der Deutschen erben nichts und bei weiteren 25 % sind es unter 50.000 EUR. 
  • Dabei ist vom Wert des Erbes die Rede, also können beispielsweise Immobilien enthalten sein, die den Wert des Erbes deutlich erhöhen.

 

Das Statistische Bundesamt ermittelt jedes Jahr, wie viel Geld der Bund aus der Erbschaftssteuer einnimmt. 2019 waren es 6,99 Milliarden EUR. 

Zunächst hört sich das nach sehr viel Geld an. Doch wenn man bedenkt, dass in Deutschland jedes Jahr etwa 400 Milliarden EUR vererbt werden, wirken die rund 7 Milliarden EUR an Steuergeldern gering.

Der Grund, weshalb die Steuereinnahmen so gering sind, ist schnell gefunden: Bevor Erben ihr Erbe versteuern müssen, müssen sie je nach Grad der Verwandtschaft erst einmal einige hunderttausend EUR erben. Das geht aus der nachstehenden Tabelle hervor: 

Grad der Verwandtschaft Steuerfreies Erbe (Wert, kann beispielsweise auch Immobilien enthalten)
Ehepartner / eingetragener Lebenspartner des Erblassers 500.000 EUR
Kinder des Erblassers 400.000 EUR
Enkelkinder des Erblassers (wenn Kinder des Erblassers noch leben) 200.000 EUR
Enkelkinder des Erblassers (wenn Kinder des Erblassers nicht mehr leben) 400.000 EUR
Urenkel des Erblassers 100.000 EUR
Eltern, die von verstorbenen Kindern erben 100.000 EUR
Alle anderen, auch unverwandt 20.000 EUR

Aufgrund der ungleich verteilten Vermögen in Deutschland erben wenige Leute sehr viel und viele Leute nichts oder nur wenig. 84 % der Deutschen erben unter 100.000 EUR und sind somit weit entfernt von den Summen, ab denen Erbschaftssteuer anfallen würde. 

Dazu kommt, dass die Steuer nur für die Summen anfällt, die den entsprechenden Freibetrag übersteigen. Wer als Kind des Erblassers 550.000 EUR erbt, muss nicht die 550.000 EUR, sondern nur 50.000 EUR versteuern. Und das zu einem meist geringen Steuersatz. Auch das erklärt, warum der Staat bei hunderten Milliarden EUR an Erbmasse nur knapp sieben Milliarden EUR Erbschaftsteuer einnimmt.

Steuersatz: Höchstens 50 %, meistens aber unter 15 %

Wie viel Erbschaftssteuer anfällt, bestimmt …

  1. die Steuerklasse, die den Grad der Verwandtschaft repräsentiert.
  2. der Steuersatz, der zusammen mit dem Wert des Erbes über den zutreffenden Freibetrag hinaus zunimmt. 

Wer ist in welcher Steuerklasse?

Steuerklasse 1 Enge Verwandte wie Ehepartner, eingetragene Lebenspartner, Kinder, Stiefkinder, Enkel, Urenkel und weitere
Steuerklasse 2 Entferntere Verwandte wie Geschwister, Geschwisterkinder, Stiefeltern, Schwiegereltern, Schwiegerkinder, geschiedene Ehepartner und weitere
Steuerklasse 3 Nicht-verwandte Personen

Was dabei zählt, ist die Verwandtschaft vor dem Gesetz, nicht die emotionale Verbundenheit. Das hört sich zwar an, als ob man es nicht erwähnen müsste. Doch nicht umsonst sind das Erbe und die Erbschaftsteuer einer der stärksten Streitherde.  

Beispielsituation: 

Sie wachsen nicht bei den Eltern, sondern bei einem entfernten Verwandten auf. Etwa dem Onkel, oder vielleicht auch bei einer gar nicht verwandten Person. Sie nehmen diese Person aber wie einen tatsächlichen Elternteil wahr und für die Person sind Sie wie das eigene Kind. 

Nun verstirbt diese Person und hinterlässt ein Erbe, das laut Testament Sie erhalten sollen. Und dann der Schock: Sie haben aufgrund des nur entfernten oder fehlenden Verwandtschaftsgrades einen viel niedrigeren Freibetrag als ein tatsächlich verwandtes Kind. 

Wenn es hart auf hart kommt, sind es statt 400.000 EUR nur 20.000 EUR und den Rest des Erbes müssen Sie versteuern. Noch dazu mit einem höheren Steuersatz, weil eine andere Steuerklasse als bei direkter Verwandtschaft zutrifft. 

Es wird deutlich, dass die emotionale Verbundenheit oder der Heimatort vor dem Gesetz keine Rolle spielt. Das Gesetz richtet sich ausnahmslos nach dem tatsächlichen Verwandtschaftsgrad.

Wie hoch sind die Steuersätze in den einzelnen Steuerklassen?

Wert des Erbes (über den zustehenden Freibetrag hinaus) Steuerklasse 1 Steuerklasse 2 Steuerklasse 3
Bis 75.000 EUR 7 % 15 % 30 %
Bis 300.000 EUR 11 % 20 % 30 %
Bis 600.000 EUR 15 % 25 % 30 %
Bis 6.000.000 EUR 19 % 30 % 30 %
Bis 13.000.000 EUR 23 % 35 % 50 %
Bis 26.000.000 EUR 27 % 40 % 50 %
Über 26.000.000 EUR 30 % 43 % 50 %

Hinweis Schenkungsteuer: 

Sie können Ihren Besitz bereits zu Lebzeiten an die Nachkommen verschenken. Die Schenkungsteuer 🡪 funktioniert im Wesentlichen genauso wie die Erbschaftsteuer, weil beide im gleichen Gesetz verankert sind. 

Nur die Freibeträge unterscheiden sich leicht. Während Eltern, die von ihren Kindern erben, bei der Erbschaftsteuer 100.000 EUR frei haben, sind es bei Schenkungen nur 20.000 EUR. Urenkel haben bei der Schenkungsteuer wiederum einen höheren Freibetrag als bei der Erbschaftsteuer: Statt nur 100.000 EUR sind hier 200.000 EUR steuerfrei.  

Wie werden Immobilien vererbt?

  • Eine Immobilie aus dem Besitz des Erblassers steht normalerweise an erster Stelle dem Ehepartner zu, sofern der Erblasser verheiratet war und der Ehepartner noch lebt. Falls kein Ehepartner hinterblieben ist, wechselt die Immobilie normalerweise in Kindesbesitz. 
  • Bei einer durch Tod vererbten Immobilie ermittelt das Finanzamt deren Verkehrswert. Der Verkehrswert ist der Preis, der bei einem Verkauf der Immobilie erzielbar wäre und wird mit dem zustehenden Freibetrag verrechnet. Er ist das Maß für die Erbschaftssteuer.  

 

Hat der Erblasser die Immobilie bis zu seinem Tod vermietet, dann zählen nur 90 % des Verkehrswerts der Immobilie als Maß für die Erbschaftssteuer. Komplett steuerfrei bleibt die Immobilie, wenn der Erblasser sie selbst bewohnt hat und Sie als Erbe der Steuerklasse 1 vorhaben, mindestens zehn weitere Jahre selbst darin zu wohnen. 

Bei Kindern und Enkeln herrschen andere Richtlinien: Hier darf die Immobilie höchstens 200 Quadratmeter haben, um steuerfrei zu bleiben. Bei Enkeln muss der entsprechende Elternteil zudem bereits verstorben sein. 

Falls …

  1. es sich um eine Immobilie handelt, die der Erblasser vorher nicht selbst bewohnte,
  2. man vorhat, die Immobilie zu verkaufen, statt selbst zu nutzen, 
  3. die Quadratmeterzahlen bei Kindern / Enkeln über die Grenze von 200 Quadratmetern hinausgehen, 

… kann bei Immobilien entsprechend dem Freibetrag normal Erbschaftsteuer anfallen. 

Wie hoch ist der tatsächliche Verkehrswert? 

Bisweilen kommt es vor, dass das Finanzamt einen zu hohen Verkehrswert ansetzt. Sie können dann selbst einen Gutachter beauftragen, der den tatsächlichen Verkehrswert ermittelt und dem Finanzamt dann den korrigierten Wert vorlegen. Idealerweise akzeptiert es das Gutachten und senkt den selbst ermittelten Verkehrswert. 

Auch wenn beim Verkauf kein so hoher Preis erzielt werden konnte wie vom Finanzamt erwartet, können Sie sich damit ebenfalls ans Amt wenden. Idealerweise senkt es den Verkehrswert entsprechend. Voraussetzung dafür ist aber, dass Sie die Immobilie innerhalb von 12 Monaten nach dem Gutachten des Finanzamts und nicht innerhalb der Familie unter Wert oder „zum Freundschaftspreis“ verkaufen. 

Was ist mit dem Hausrat?

Vererbter Hausrat wird getrennt vom Wert des Erbes betrachtet. Erben in der Steuerklasse 1 können Hausrat im Wert von bis zu 42.000 EUR steuerfrei erben. Andere bewegliche Gegenstände – etwa ein Auto – sind für Erben der Klasse 1 bis 12.000 EUR steuerfrei. Jedoch zählen diese Summen nicht mit in die Freibeträge von bis zu 500.000 EUR mit hinein, sondern obendrauf. Man erbt also bis zu 500.000 EUR steuerfrei inklusive Hausrat. 

Hinweis: Ob die gesetzliche Erbfolge zutrifft oder etwa ein individuelles Testament: Die Regeln der Erbschaftssteuer treffen bei beidem genauso zu. 

Versorgungsfreibeträge: Ein weiteres steuerfreies Extra

  • Der Versorgungsfreibetrag betrifft alle nicht gesetzlich vorgesehenen Versorgungsansprüche – beispielsweise private Lebensversicherungen oder Versorgungsansprüche aus einem Gesellschaftsvertrag. 
  • Ehepartnern steht über die 500.000 EUR hinaus ein Versorgungsfreibetrag von bis zu 256.000 EUR zu. Bei Kindern des Erblassers sind es bis zu 52.000 EUR, je nach Alter des Kindes zum Zeitpunkt der Erbschaft – dazu mehr im Artikel Erbschaftssteuer bei Kindern
  • Die gesetzliche Rente, Witwen- und Waisenrente, Pensionen oder Bezüge von berufsständischen Versorgungswerken sind grundsätzlich von der Erbschaftssteuer befreit. Auch Hinterbliebenenbezüge etwa bei einem Tarifvertrag sind für die Erbschaftssteuer und den Versorgungsfreibetrag nicht relevant. 

Hinweis: Selbst wenn keine Erbschaftssteuer anfällt, wirkt sich das nicht auf andere denkbare Steuern wie die Kapitalertragsteuer oder Einkommensteuer aus. Diese Steuern können je nach Umständen weiterhin anfallen. 

Das deutsche Erbschaftsteuerrecht sieht vor, dass jeder, der ein Erbe bezieht, hierfür Steuern zahlen muss. Dennoch bleibt die Erbschaftssteuer für den Großteil der Deutschen irrelevant, da die großzügigen Freibeträge bei den wenigsten überschritten werden und somit keine Erbschaftssteuer abgeführt werden muss. Die Freibeträge und Steuersätze richten sich aber nicht nur nach der Art und Höhe des Vermögens, sondern bemessen sich genauso nach dem Grad der Verwandtschaft. Auch wer in Deutschland eine Immobilie oder andere Vermögenswerte als Geldwerte erbt, ist generell von der Erbschaftssteuer betroffen.

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