02.04.2019 | ca. 6 min. Lesezeit | Artikel drucken

Krieg, Hunger, Inflation: Sparen unter extremen Bedingungen

„Es gab ja nichts“ oder „wir hatten ja nichts“ hört man vereinzelt von Zeitzeugen, wenn die Nachkriegsgeneration davon berichtet, wie es früher einmal war. Es sind nicht nur Phrasen, sondern diese Redewendungen stammen aus einer Zeit, in der wortwörtlich „jeder Pfennig zweimal umgedreht“ werden musste. Eine kurze Chronik der prägendsten Tugend der Deutschen verdeutlicht, warum Sparen so tief in unserer Identität verwurzelt ist.

„Der Tag der älteren Generation“ findet an jedem ersten Mittwoch im April statt und soll Menschen auf die Situation und die Belange der älteren Generation aufmerksam machen. Viel Aufmerksamkeit schenken die Medien diesem Tag nicht. „Die Belange der älteren Generation“ werden in Deutschland häufig unter den Aspekten Gesundheit, Pflege oder Altersarmut diskutiert. Dem demografischen Wandel zufolge gebe es zu viele ältere Menschen in der Bundesrepublik und zu wenige junge. Die Aufrechterhaltung eines stabilen Rentenniveaus sei durch die überalternde Bevölkerung gefährdet.

Dies ist eine Lesart, die der Nachkriegsgeneration und den Baby-Boomern der 50er und 60er Jahre nicht gerecht wird. Schließlich waren sie es, die dieses Land mit den eigenen Händen wieder aufgebaut haben. Heute ist Deutschland die stärkste Volkswirtschaft in Europa und die viertgrößte der Welt. Das Sparverhalten dieser Generation wurde durch die geschichtlichen Ereignisse geprägt und beeinflusst das Sparverhalten bis heute.

Sparen mit Kriegsanleihen

Vor rund 100 Jahren mussten Sparer ihren Beitrag zur Kriegskasse beisteuern. Während des Ersten Weltkrieges wurden Sparbüchsen an die Bevölkerung ausgegeben, die die Form von Fliegerbomben hatten. Unter dem Deckmantel der Sparsamkeit wurden die Deutschen außerdem zum Zeichnen von Kriegsanleihen genötigt und sahen ihr Erspartes nie wieder. Auch wer nach dem Krieg noch Geld an den Kriegsanleihen vorbei retten konnte, musste zusehen, wie es aufgrund von Hyperinflation zu Beginn der 20er Jahre wertlos wurde.

Schwarzmarkt und Tauschhandel

Nach dem Zweiten Weltkrieg war die Hälfte der Wohnfläche Deutschlands zerbombt, die Infrastruktur zerstört, alle Vorräte aufgebraucht. Der Krieg wurde mit der Notenpresse finanziert und trieb die Inflation in die Höhe. Die Reichsmark und Lebensmittelmarken wurden zunehmend wertlos. Der Tauschhandel erlebte hingegen eine Renaissance und so wurden Zigaretten zum wichtigsten Tauschmittel, um sich auf dem Schwarzmarkt mit Gütern zu versorgen – Pelzmäntel, Kochtöpfe, Schuhe. In einer Zeit, in der man Waren nur gegen Waren tauschen konnte, war Sparsamkeit nicht nur eine Tugend, sondern überlebenswichtig.

„Was wird angeboten und welche Preise werden gezahlt? Da sind Zigaretten und Bohnenkaffee, Brot und Benzin, Uhren und Schnaps, Fleisch und Lebensmittelkarten. Geld spielt scheinbar keine Rolle, denn es werden Preise gefordert bis zum hundertfachen tatsächlichen Wert“ (Quelle: Hannoversche Presse, 6. September 1946)

Keine Kohle in der Energiekrise

Nach dem strengen Winter von 1947 wurden die Lebensmittelreserven knapp. Die Deutschen mussten sich das Essen buchstäblich „vom Mund absparen“. Der Kalorienverbrauch pro Kopf sank auf 1.451 und damit auf weniger als die Hälfte der vom Völkerbund empfohlenen Tagesmenge von 3.000 Kalorien. Die Zahlen allein sagen wenig über die Ernährungslage aus. entscheidend war die schlechte Qualität, denn tierisches Eiweiß und Fett gab es kaum.

Parallel zur Ernährungskrise entwickelte sich eine Energiekrise. Kohle wurde als primäre Energiequelle für die privaten Haushalte gebraucht. Doch ihr Abbau gelang nur spärlich und der Energieträger konnte durch die zerbombte Infrastruktur kaum transportiert werden. Die geringen Mengen Kohle, die exportiert werden konnten, verkauften die Alliierten unterhalb des Weltmarktpreises. Die Erträge wurden in der von der Inflation zerfressenen Reichsmark festgeschrieben, trugen also kaum etwas zum Aufbau der Wirtschaft bei.

So sparten Familien in der Nachkriegszeit

Eine Familie mit 3 Kindern musste im Jahr 1947 laufende Ausgaben von etwa 590 Reichsmark (RM) im Monat decken, wie aus Quellen von Zeitzeugen hervorgeht. Der monatliche Umsatz auf dem Schwarzmarkt entsprach mit ca. 375 RM dem größten Teil. Aus den Einnahmen durch das Gehalt des Mannes und Vergütungen für die Kinder konnten jedoch nur 293 RM gedeckt werden. Der Rest musste aus dem Verkauf von Habseligkeiten auf dem Schwarzmarkt aufgebracht werden:

„Lebensnotwendige Käufe auf dem schwarzen Markt und Hamstern waren vom Einkommen allein nicht zu bestreiten, sondern konnten nur mit Hilfe von Ersparnissen, Verkäufen von geretteten Sachwerten und Tauschgeschäften getätigt werden.“ (Quelle: Grebing u.a.: Die Nachkriegsentwicklung in Westdeutschland 1945 -1949)

Entwertung der „Eisernen Sparguthaben“

Während des Zweiten Weltkriegs zeichnete sich ein ähnliches Muster ab wie bei den Kriegsanleihen aus dem Ersten Weltkrieg. Die Doktrin der Nazis lautete „Eisernes Sparen“. Ab 1941 wurde die Kaufkraft der Bevölkerung durch ein staatliches Sparprogramm systematisch abgeschöpft und sollte zur Kriegsführung verwendet werden. Dabei wurde ein Teil des Arbeitslohns einbehalten und auf ein besonderes Sparkonto überwiesen. Es wurde als „steuerfrei und von Sozialversicherungsbeiträgen befreit“ beworben. Ein Jahr nach Kriegsende sollten die Einlagen den Anlegern zur Verfügung gestellt werden.

Allerdings kam es dazu nicht. Zwei Jahre nach dem Krieg wurden „Eiserne Sparkonten“ in gewöhnliche Sparkonten umgewandelt, die auch Zinsen zahlten und gekündigt werden konnten. Allerdings fielen die Guthaben bis dahin der hohen Inflation zum Opfer, bis sie schließlich mit der Währungsreform 1948 im Verhältnis von 10:1 in die D-Mark umgetauscht werden konnten.

Sparen in der Bundesrepublik

Das in den 50er Jahren einsetzende Wirtschaftswunder führte zum Wiederaufbau des Sozialstaates durch den Generationenvertrag von Bundeskanzler Konrad Adenauer. Die arbeitende Generation war damit nicht nur für den Wiederaufbau, sondern auch für die Absicherung der älteren Generation verantwortlich. Von Kriegen blieben wir bis heute verschont, sogar die Inflation ist seit Jahren kaum noch zu spüren. Das Sparverhalten der Deutschen hat sich hingegen in der Wahrnehmung von außen kaum verändert.

Das Deutsche Historische Museum zeigte im vergangenen Jahr eine ganze Ausstellung zum Thema unter dem Titel: „Sparen – Geschichte einer deutschen Tugend“. Das Bemerkenswerteste daran sei die Erkenntnis, dass die Deutschen einfach immer sparten und weiter sparten, egal wie gewinnbringend oder Unheil stiftend dieses Sparen war, urteilt die NZZ in einem Bericht:

„Sie sparten vor den Kriegen, während der Kriege und nach den Kriegen. Auch die Inflation in den zwanziger Jahren konnte die deutsche Sparwut nicht erschüttern. Kaum war die Währung wieder einigermaßen stabilisiert, wurde weiter gespart.“ (Quelle: Ausstellung Deutsches Historisches Museum, NZZ)

Dass diese Wahrnehmung nicht unbedingt der Realität entspricht, zeigt unsere aktuelle Studie zum Sparverhalten in Deutschland. Fast die Hälfte der Befragten sorgt nicht für das Alter vor.

Grund zum Sparen gibt es zu jeder Zeit, denn Sparer hoffen auf eine bessere Zukunft. Ganz egal, ob es dabei nun um den Wiederaufbau eines Landes oder um die Sicherung der eigenen Altersvorsorge geht.

 

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