06.03.2020 | ca. 8 min. Lesezeit | Artikel drucken

Internationaler Weltfrauentag 2020: Frauen und Finanzen – Gleichberechtigung angekommen?

Mütter kümmern sich um die Kinder, Väter bringen das Geld nach Hause – klingt altmodisch. Bereits seit dem späten 19. Jahrhundert hat die Frauenbewegung Großartiges geleistet, um genau diese Duldungsstarre zu durchbrechen. Zahlreiche Errungenschaften, die unsere heutige Gesellschaft prägen und von denen wir alle profitieren, verdanken wir diesen unzähligen starken Frauen. Doch auch 2020 ist der Traum von absoluter Gender Equality noch weit entfernt.

Gleichheit erst in 260 Jahren?

Die berufliche und finanzielle Gleichheit für Frauen und Männer ist zweifellos eine der kritischsten Komponenten zur Erreichung der Geschlechtergleichheit – ist aber bei weitem noch nicht gegeben. Seit jeher zieht sich finanzielle Ungleichheit wie ein roter Faden durch das Leben von Frauen. Laut Global Gender Gap Report 2020 des Weltwirtschaftsforums WEF braucht Deutschland weitere 257 Jahre, bis Frauen und Männer in jeglichen Bereichen, unter anderem in ihrer beruflichen Karriere und Bezahlung, gleichgestellt sind. Bei der Gleichberechtigung schafft es Deutschland dem Bericht zufolge knapp in die Top Ten. Die geschlechtsbezogene Gehaltslücke bleibt seit Jahren unverändert und liegt nach wie vor bei 21 Prozent. Aber woran liegt das? Eine häufige Argumentation: Frauen sind selbst schuld, weil sie selten die Initiative ergreifen oder ungern über Geld reden, Frauen bringen dem Unternehmen weniger wirtschaftliche Vorteile, weil sie angeblich im Privaten ihre Erfüllung finden oder Frauen verhandeln einfach schlechter, wenn sie die Themen Einstiegsgehalt und Gehaltserhöhung auf den Tisch bringen.

Ganz so trivial ist es aber nicht. Laut Henrike von Platen, Gründerin des gemeinnützigen Fair Pay Innovation Labs, werden Löhne noch immer nach “Bauchgefühl” verhandelt, und die Leistungen von Frauen anders eingeschätzt als die von Männern. Zudem sind Hauptgründe für geschlechtsspezifische Lohngefälle oft mit gesellschaftlich verankerten Erwartungen an Frauen und veralteten Rollenmodellen verbunden.

Nach Katharina Wrohlich, Leiterin der Forschungsgruppe Gender Economics vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung e.V. (DIW Berlin), müssen sich diese geschlechterstereotypen Zuschreibungen ändern, da sie einen großen Anteil für die vorherrschenden Ungleichheiten auf dem Arbeitsmarkt darstellen. Doch wie lassen sich solche Zuschreibungen überwinden?

Empirische Studien haben festgestellt, dass Vorbilder viel bewirken können – das heißt: mehr Frauen in männlich geprägten Berufen. Denn oftmals ist es so, und das belegen auch wirtschaftspsychologische Studien, dass Frauen ihre eigene Leistung im Durchschnitt geringer einschätzen als Männer – und dadurch dann das Nachsehen haben. Durch diese Art von Sozialisierung geraten Frauen oft in finanzielle Abhängigkeit ihres Partners – die sie oft ganz bewusst vermeiden möchten, wie die Studie zum Frauentag und Equal Pay Day 2020 von WeltSparen zeigt. In diesem Rahmen offenbaren 1.044 Frauen, welche zehn Ratschläge sie ihrem jüngeren Ich in Bezug aufs Thema Finanzen geben würden.

Finanzieller Analphabetismus bei Frauen – Vorurteil oder Realität?

Aktuelle Studien belegen, dass der finanzielle Bildungsstand der Deutschen im Vergleich mit anderen europäischen Nationen erschreckend niedrig ist. Das Phänomen nennt sich finanzieller Analphabetismus und impliziert Handlungsbedarf – und dies nicht nur zwingend bei Frauen. Im Allgemeinen, fühlen sich insbesondere junge Deutsche schlecht für den Finanzalltag gerüstet. Die letztjährige Studie zum Internationalen Frauentag von WeltSparen dementiert zudem das Vorurteil, dass Männer mehr Ahnung von Finanzen haben: Mit 43 Prozent sagen Frauen über sich selbst, dass sie Durchblick über Themen wie Geld, Versicherungen und Vorsorge haben. Mit 49 Prozent schneiden Männer mit ihrer Einschätzung zu ihrem Finanzwissen nur wenig besser ab als Frauen.

Infografik zum Frauentag

Nichtsdestotrotz fand J.P. Morgan Asset Management in einer europaweiten Erhebung heraus, dass vor allem Frauen beim Wissen um das Thema Finanzen mehr Nachholbedarf besteht. Nur 21 Prozent der insgesamt 3000 befragten Europäerinnen stimmten der Aussage zu, dass sie sich beim Thema Finanzen kompetent fühlen. Außerdem behaupteten nur 34 Prozent der weiblichen Teilnehmer, über ein ausgeprägtes Selbstvertrauen im Umgang mit Geld zu verfügen. Bei den Männern liegt der Anteil bei 46 Prozent. Europäische Verbraucherinnen zwischen 30 und 65 Jahre horten ein gespartes Vermögen von rund 200 Milliarden Euro, das nicht auf dem Kapitalmarkt angelegt ist – weil sie eigenen Aussagen zufolge weniger Anlagenkenntnisse haben oder unsicher sind. Ein knappes Viertel dieses Geldes gehört Frauen in Deutschland und Österreich.

Die Folgen dieser gesellschaftlichen Normen sind real: Frauen verdienen und sparen weniger als Männer. Aber sie leben auch länger: laut der WHO durchschnittlich 82 Jahre im Vergleich zu 75 Jahren bei Männern; immerhin ein Unterschied von 7 Jahren. Frauen sind also im Laufe ihres Lebens mit zusätzlichen Kosten konfrontiert, darunter mehr langfristige und allgemeine Gesundheitsausgaben – haben aber weniger Geld, um für diese Kosten aufzukommen. Dazu kommt, dass Frauen häufig mit Ungleichheiten innerhalb des Finanzsystems konfrontiert sind. Jüngste Untersuchungen der Global Banking Alliance for Women haben dazu ergeben, dass Männer 65 Prozent der weltweiten Bankkunden ausmachen, 80 Prozent der Kredite bearbeiten und 75 Prozent der Bankeinlagen tätigen.

Um finanzielle Gleichberechtigung und Gleichstellung zu erreichen, müssen Frauen also lernen, finanzielle Ressourcen besser zu verwalten und ideal anlegen zu können. Denn langfristig gesehen, kann hohe Finanzaffinität der Schlüssel zu finanzieller Unabhängigkeit sein.

 

Jetzt kostenlos anmelden

 

Mehr Politik zur Unterstützung von Frauen

Der deutsche Leitindex DAX geht auf den Index der 1959 gegründeten Börsenzeitung zurück. Erst 2019 wurde die erste Frau Vorstandschefin in einem DAX-Konzern – so lange hat es also gedauert. Das gilt vielen Leuten als skandalös. Um Frauen im Thema finanzielle und berufliche Gleichheit zu unterstützen, sind vermutlich auch öffentliche, staatliche Maßnahmen erforderlich. Kann eine Quote möglicherweise Abhilfe schaffen? Um den Anteil von Frauen in Führungspositionen zu erhöhen, gilt seit 2016 in der Tat eine Geschlechterquote bzw. ein Frauenanteil von 30 Prozent für neu zu besetzende Führungspositionen in etwa 100 großen Unternehmen. Davor waren Frauen auf Führungsetagen deutscher Unternehmen unterrepräsentiert und die Zahl stagnierte jahrelang trotz zahlreicher Appelle und freiwilliger Selbstverpflichtungen. Und zwei Jahre später zeigt sich: Die Quote funktioniert! Alle Unternehmen haben sich an die feste Quote gehalten und freie Führungsrollen konsequent mit einer Frau nachbesetzt.

Wir könnten es versuchen, den Schweden gleichzutun: In Schweden ist es beispielsweise kein Hinderungsgrund, zugleich das Muttersein mit einem Spitzenjob zu vereinbaren. Dies ergibt sich aus den Grundlagen, die für die Vereinbarkeit von Familie und Beruf geschaffen wurden. Der Frauenanteil in hohen Führungspositionen schafft eine positive Kulturveränderung innerhalb der Unternehmen.

Auch Gesetzgebungen zur Förderung der Transparenz in Bezug auf die geschlechtsspezifischen Lohnunterschiede müssen konsequenter eingeleitet bzw. unterstützt werden. Island beispielsweise hat die Maßnahmen zur Förderung der finanziellen Gleichstellung gut genutzt: Die geschlechtsspezifische Lohndiskriminierung ist in Island seit 1961 illegal. Als das Land erkannte, dass das geschlechtsspezifische Lohngefälle immer noch bei 6 Prozent lag – zur Erinnerung, in Deutschland aktuell 21 Prozent –, verabschiedete Island 2018 ein neues Gesetz, das von den Unternehmen einen Nachweis verlangt, der die fairen Löhne belegt. Bis 2022 wird jede öffentliche oder private Einrichtung in Island, die mehr als 25 Mitarbeiter beschäftigt und für gleichwertige Arbeit ungleiche Löhne zahlt, mit täglichen Geldstrafen belegt.

Was wurde in Deutschland unternommen, um den Gender Pay Gap zu verkleinern? Deutschland hat 2018 das sogenannte Entgelttransparenzgesetz (ETG) eingeführt. Grundsätzlich findet das ETG aber nur Anwendung, wenn der Arbeitgeber insgesamt mehr als 200 Angestellte hat und im Vergleich zum isländischen Gesetz müssen Beschäftigte den Gehaltsvergleich selbst anfordern. Obwohl bei vielen das Interesse für einen Gehaltsvergleich besteht, fürchten sie eine Verschlechterung des Arbeitsverhältnisses zu ihrem Arbeitgeber oder den daraus resultierenden Arbeitsaufwand, sodass nur ein Bruchteil von ihrem Recht Gebrauch macht.

Über Geld sollte frau reden

Und das ist wichtig, denn Geld und Gehälter sind in Deutschland nach wie vor ein Tabuthema und tatsächlich wird eher über sexuelle Vorlieben geredet als über Gehälter. Dennoch geht es bei der finanziellen Unabhängigkeit nicht nur um Geld, sondern um die allgemeine, weibliche Autonomie. Gefragt sind mehr Transparenz, mehr Toleranz und weniger Klischees.

“Unternehmen müssen ihre Strukturen ändern, damit es endlich fairer zugeht“, legt die Gründerin des Fair Pay Innovation Labs dar.

Das sind erste Ansätze, die Frauen substanzielle Unabhängigkeit in wichtigen Entscheidungen in ihrem Leben ermöglichen – die vom Beruf über die Ehe bis hin zu den Ungerechtigkeiten des modernen Elterndaseins reichen.

Christine Lagarde, Geschäftsführerin der Europäischen Zentralbank (EZB), setzt sich stets für die wirtschaftliche Stärkung der Frauen ein und erklärt, dass Frauen „oft die Hauptlast der Armut und des begrenzten Zugangs zu wirtschaftlichen Möglichkeiten, einschließlich des ungünstigen Zugangs zu Finanzierungsmitteln, tragen. Ungleichheit ist also nicht nur eine moralische Frage – sondern eine Frage langfristiger makroökonomischer Indikatoren.”

Gegenseitige Unterstützung ist Gold wert

Andere Länder machen es bereits vor und so wird evident: Gleichstellung der Geschlechter ist sehr wohl möglich, wenn wir es nur wollen – und trotz der “Wartezeit” von rund 260 Jahren war das Ziel Gleichstellung der Geschlechter noch nie so nah wie heute. Um die Ziele einer nachhaltigen Entwicklung voranzubringen und zu verwirklichen, ist es wichtig, multilateral zusammenzuarbeiten und mehr Ressourcen und Anstrengungen zu investieren, die es schließlich ermöglichen, starke gesellschaftliche Strukturen zu errichten. Nichtsdestotrotz geht es bei der Gleichstellung der Geschlechter nicht nur darum, Gesetzesmaßnahmen einzuführen – es geht auch um Kultur und darum, die Haltung der Gesellschaft zur Rolle von Frauen langfristig und dauerhaft zu verändern.

 

Das könnte Sie auch interessieren: