Vor- und Nachteile von Negativzinsen
für Sparer und Kreditnehmer

Für Erspartes entstehen Kosten und für Kredite gibt es Geld: Negativzinsen stellen die Finanzwelt auf den Kopf. Im Interview beleuchten Marko Wenthin von der digitalen Plattform für Business Banking Penta und Dr. Tamaz Georgadze von der Zinsplattform WeltSparen die Auswirkungen von Negativzinsen für Menschen, Unternehmen und Banken.

Zahlreiche Banken in Deutschland fordern von ihren Kunden bereits Negativzinsen, Tendenz steigend. Warum sind die Banken bereit, dies jetzt zu tun, obwohl sie so lange auf die Weitergabe der Kosten verzichtet haben und wie wird sich der Trend fortsetzen?

Dr. Tamaz Georgadze: Entgegen der öffentlichen Wahrnehmung erfolgte dieser Trend nicht urplötzlich, sondern inkrementell. Während es vor mehreren Jahren noch unvorstellbar erschien, Kunden ab dem ersten Euro Negativzinsen für ihr Erspartes abzuverlangen, hat sich diese Hemmschwelle nach und nach herabgesetzt.

Eine Ursache dafür war sicherlich die Verschärfung des Einlagenzinssatzes der EZB von -0,4 % auf -0,5 %. Wir gehen ebenso wie viele Branchenkenner davon aus, dass der Trend noch länger anhalten könnte.

Allerdings gibt es auch Ausnahmen: Die ersten Finanzinstitute z.B. die Sparkassse Vorpommern oder die Bremische Volksbank bieten ihren Privat- und Geschäftskunden Tages– und Festgeld von WeltSparen an.

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Marko Wenthin: Ich denke, es ist weniger eine Frage der Bereitschaft als eine Frage der Notwendigkeit. Im Vergleich zu den US-Banken sind die deutschen Banken im Hinblick auf Provisionserträge traditionell eher schwach positioniert, mit anderen Worten: Deutsche Banken wählen bis heute stets die klassische Art des Bankwesens.

Das heißt: Sparen auf der einen und Kreditvergabe auf der anderen Seite. Die Kreditvergabe ist sowohl für Verbraucher als auch für Unternehmen jedoch weitaus komplexer. Aufgrund der ständig steigenden Eigenkapitalanforderungen scheuen die Banken Risiken.

Denn sie sind verpflichtet, risikogewichtete Aktiva mit Kapital zu unterlegen: Je größer also der Kreditbestand, desto mehr Eigenkapital ist erforderlich. Doch selbst für große Banken ist es indes kompliziert geworden, dieses Kapital zu beschaffen.

Daher rührt auch die Bewegung hin zu „besseren“ Anlageklassen und zum Ansatz für reduziertes Risiko. Die Kehrseite davon sind sinkende Zinserträge.

Wenn nun die andere Seite der Bilanz zunimmt, da Unternehmen und Einzelpersonen Geld sparen, entsteht ein Missverhältnis, weil diese zunehmenden Ersparnisse nicht als Kredite eingesetzt werden können. Ich erwarte darum, dass dieser Trend doch noch länger anhält.

Die Deutschen haben kein Verständnis für Negativzinsen.

Wird es jemals wieder hohe Zinsen geben?

Marko Wenthin: Aktuell beobachten wir diesbezüglich eine relativ heikle Entwicklung. Trotz negativer Sparzinsen ist ein genereller Rückgang der Kreditzinsen für Unternehmen und Verbraucher nicht in gleichem Maße zu beobachten, sprich, die Absicht der EZB hat sich bisher noch nicht vollständig verwirklicht.

Die Inflation ist nach wie vor sehr niedrig und sie gerät sogar an einen Punkt, an dem Deflationsgefahr besteht. Ein höherer Konsum und mehr Investitionen, die durch eine stärkere Kreditvergabe angeheizt werden, würden theoretisch die Preise nach oben treiben und Inflation hervorrufen.

In Inflationsszenarien diktiert die Geldpolitik in der Regel steigende Zinssätze, nichtsdestotrotz gibt es bis jetzt keine sichtbaren Anzeichen dafür, dass dies geschehen wird, sodass wir aus heutiger Sicht in nächster Zeit keine steigende Sparzinsen erwarten dürfen.

Es ist daher durchaus möglich, dass wir uns noch einige Jahre lang mit dem niedrigen Zinsumfeld konfrontiert sehen müssen.   

 

Dr. Tamaz Georgadze: Ich stimme Marko zu. Kurz- bis mittelfristig, gegeben auch der aktuell antizipierten Rezession, sieht es nicht danach aus, dass die EZB in einen Zinserhöhungs-Zyklus eintreten wird. Und auch langfristig lassen sich dafür keine fundierten Prognosen abgeben.

Doch unabhängig vom Leitzins der EZB wird es in Europa immer Banken geben, die im Marktvergleich hohe Zinsen auf Tages- und Festgeld bieten, um neue Kunden und Liquidität einzusammeln. Für Sparer lohnt es sich daher immer, die Augen offen zu halten und sich bei Vergleichsseiten über die neuesten Angebote zu informieren.

Wie wirken sich Negativzinsen auf das Sparverhalten der Menschen aus?

Dr. Tamaz Georgadze: Der Sparwille der Deutschen ist ungebrochen. Doch niedrige oder negative Zinsen erhöhen die Wahrscheinlichkeit, dass die Menschen in Lethargie verfallen und ihr Erspartes unverzinst auf dem Girokonto liegen lassen.

Auf unserer Plattform beobachten wir eine erhöhte Bereitschaft in Riester– und Rürup-Produkte zu investieren, die auf ETF und Indexfonds basieren. Mit den staatlichen Zuschüssen bzw. Steuervorteilen können langfristig orientierte Sparer Negativzinsen entkommen und gleichzeitig fürs Alter vorsorgen.

 

Über ein Viertel der Befragten zeigt sich desillusioniert

Marko Wenthin: Die Zeiten leicht zugänglicher Sparoptionen bei traditionellen Banken sind vorbei. Allzu oft bieten hiesige Banken Neukunden solche Produkte nicht einmal mehr an, ohne dass sie auch andere Produkte wählen.

Denn allein mit Sparangeboten können Banken heutzutage kaum mehr Geld verdienen und können somit auch ihrer wirtschaftlichen Rolle nicht ausreichend nachkommen.

Kunden sind nun darauf angewiesen, alternative Sparmöglichkeiten aufzusuchen und Ausweichlösungen zu vergleichen – dies aber oft ohne das dafür notwendige Wissen.

Glücklicherweise sind einige europäische Länder dennoch relativ gut aufgestellt und bieten die Möglichkeit alternative Anlageprodukte im Ausland zu erwerben. Raisins Sparprodukte sind ein Beispiel dafür. Darüber hinaus sind Investitionen in ETFs oder andere Anlageprodukte immer beliebter geworden.

Wie werden sich die Negativzinsen auf die deutsche und europäische Wirtschaft auswirken?

Marko Wenthin: Die ursprüngliche Absicht war es, die Wirtschaft anzukurbeln, indem die Kreditvergabe für mehr Verbraucher und Unternehmen gefördert wurde.

Diese Wirkung bleibt aber zum großen Teil aus, da viele Banken häufig erst einmal versuchen, ihre Margen zu verbessern. Das dauerhaft negative Zinsniveau veranlasst die Banken dazu, ihre Positionierung weiter zu überdenken, hauptsächlich mit stärkerem Kostenbewusstsein, was ja erstmal gut ist.

Leider nicht immer mit dem richtigen Erfolg: Statt mehr Kredite zu vergeben, verlangen Banken zunehmend Negativzinsen von ihren Kunden, so dass Kunden für das Anlegen ihres Ersparten schließlich Strafzinsen an die Bank zahlen.

Angemessene Alternativen zum Sparen sind aber Mangelware, so dass die wohlverdienten Ersparnisse vieler Anleger bei den hiesigen Banken mit durchschnittlichen Zinsen von null Prozent oder sogar Minus im Laufe der Zeit lediglich an Wert verlieren. Der gesamtwirtschaftliche und soziale Schaden dafür ist enorm.  

 

Dr. Tamaz Georgadze: Niedrige Zinsen sind für Unternehmen von Vorteil, die sich dadurch refinanzieren können oder große Investitionen durchführen wollen.

Ein Ziel der EZB war es, mit niedrigen Zinsen die Kreditvergabe in der Euro-Zone anzukurbeln. Eine weitere Absenkung der Zinsen wird diesbezüglich vermutlich keine großen wirtschaftlichen Veränderungen herbeiführen.

Schaden Negativzinsen dem Finanzsystem?

Dr. Tamaz Georgadze: Nicht alle Teilnehmer sind direkt betroffen. Aber besonders die Banken stellen die Negativzinsen vor ein Dilemma: Entweder sie reduzieren die Gewinne der Bank oder sie werden an die Kunden weiter berechnet. Dann droht die Bank Kunden zu verlieren, was sich wiederum nachteilig auf die Gewinne auswirkt.

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Marko Wenthin: Auf kurze Sicht gesehen, glaube ich nicht. Die Banken sind jetzt gezwungen, Alternativen zu finden, sich auf die Digitalisierung zu konzentrieren, die Kostenbasis zu reduzieren und in bessere Risikomanagementsysteme zu investieren.

Wenn dieser Prozess jedoch zu lange dauert, wird die Situation langfristig sicherlich schlechter, insbesondere wenn externe Faktoren, wie neue Verordnungen, die Komplexität weiter erhöhen.

Andererseits kann dies aber auch helfen, schwächere Player im Wettbewerb auszusortieren. Dennoch glaube ich nicht, dass dies der richtige Weg ist, um dieses Ziel zu erreichen, da der Kollateralschaden, beispielsweise für Unternehmen im Umbruch, kleinere oder jüngere Institutionen, zu groß wäre.

Hat die Kreditnachfrage der Unternehmen in der Niedrigzinsphase deutlich zugenommen?

Dr. Tamaz Georgadze: Die Kreditvergabe in Deutschland ist gemäß Bankenverband im vierten Quartal 2019 um 4,3 % gestiegen im Vergleich zum Vorjahr.

Viele Unternehmen verfügten vor dem Ausbruch der Corona-Krise über ausreichend Liquidität und mussten ihre Einlagen vor Negativzinsen schützen.

Doch die Krise verändert alles. Viele kleine Unternehmen müssen jetzt schnell Kredite bewilligt bekommen, damit sie bevorstehende Phase überstehen können. 

 

Marko Wenthin: Kreditnachfragen geschehen nicht in dem gewünschten Ausmaß. Theoretisch sollten niedrigere Zinssätze die Nachfrage anregen und insgesamt zu einer höheren Kreditvergabe führen.

Aber es sinken weder die Zinssätze über alle Risikoklassen hinweg, noch ist die Nachfrage (mangels Zinssenkung) sichtbar gestiegen. Was allerdings beobachtet werden kann, ist, dass Anlagen im niedrigen Risikobereich bessere Konditionen erzielen können, auch wenn nur am oberen Ende der Skala.

Der größte Teil der mittleren Risikoklassen sieht diesen Rückgang aus dem Grunde nicht, weil die Banken ihre Margen in diesem Segment stärken.

Wie stark ist die derzeitige Investitionsbereitschaft der Unternehmen?

Marko Wenthin: Aufgrund des geschwächten Weltwirtschaftswachstums infolge der aktuellen Coronavirus-Pandemie ist die Investitionsbereitschaft sehr niedrig.

Kurz vor der Situation noch war meiner Meinung nach die Investitionsbereitschaft und -notwendigkeit aber durchaus vorhanden. Die Banken könnten diese Nachfrage befriedigen, indem sie die Vorteile eines Niedrigzinsumfelds weitergeben und ihre Produkte so verbessern, dass sie flexibler auf unvorhergesehene Ereignisse reagieren können, wie z.B. breitere Möglichkeiten der vorzeitigen Rückzahlung und Tilgungspausen.

Die Unternehmen wären somit wohl eher bereit, die Risiken von Investitionen und Finanzierungen zu übernehmen. Leider ist die Kreditvergabe durch viele Banken aber immer noch genauso unflexibel wie in den letzten Jahrzehnten, da sie nicht bereit oder in der Lage sind, Produkte so zu gestalten, dass sie den veränderten Umständen entsprechen.

Wenn ein Unternehmen eine schwierige Phase durchläuft, beginnen die Banken häufig umgehend mit dem Work Out Prozess oder der Forderung nach (vollständiger) Rückzahlung – und was bereits in guten Zeiten schwierig genug ist, kann in Krisenzeiten ein Ding der Unmöglichkeit werden.

Durch nicht geänderte Vorgehensweisen werden diese Teufelskreise also selbst mitgestaltet. Es müsste daher eine substanzielle Neuausrichtung hinsichtlich der Kreditvergabe erfolgen; davon ist aktuell leider aber wenig zu spüren. 

 

Dr. Tamaz Georgadze: Die Weltwirtschaft soll dem Internationalen Währungsfonds zufolge aufgrund der Corona-Pandemie um etwa 3 % schrumpfen. Auch in Deutschland gibt es derzeit keine Impulse. Das führt dazu, dass sich die Unternehmen mit Investitionen zurückhalten.